Konzept 2004

Mit dem vorliegenden Konzept installieren Peter Flury, Igis und Marlies Triacca, Maienfeld, ein Förderzentrum, an welchem hoch begabte Kinder der Primarstufe ihren individuellen Fähigkeiten und Begabungen entsprechend gefördert werden. Der Unterricht findet jeweils am Mittwoch statt und beinhaltet maximal drei Lektionen innerhalb und/oder drei Lektionen ausserhalb der ordentlichen Schulzeit.

 

1. Grundsatz

Gemäss dem Schulgesetz hat jedes Kind Anrecht auf eine seinen Fähigkeiten angepasste Bildung, Förderung und Schulung. Dieses Recht gilt auch für Kinder und Jugendliche mit besonderen resp. hohen Begabungen. Lange wurde davon ausgegangen, dass solche Kinder keiner besonderen Förderung und Unterstützung bedürfen. Neuere entwicklungs- und lernpsychologische Erkenntnisse widerlegen jedoch diese Ansicht.

 

Die optimale Entfaltung aller Begabungen unserer Kinder ist eine zentrale pädagogische Forderung. Im Interesse einer gesunden Persönlichkeitsentwicklung von hoch begabten Kindern und Jugendlichen ist es deshalb wichtig, dass auch sie adäquat gefördert werden.

 

Durch gezielte Förderung nimmt auch die Gefahr von schulischer Unterforderung ab. Die damit verbundenen Symptome wie beispielsweise starke Schulunlust, aggressives Verhalten, Verlust von Selbstvertrauen, psychosomatische Störungen bis hin zu sozialem Rückzug und neurotischen oder depressiven Störungen werden schwächer oder verschwinden im Idealfall ganz.

 

Im Sinne der Chancengleichheit und der Vermeidung von Über- und Unterforderung für alle Kinder und Jugendlichen gilt: „Die beste Bildung für alle erfordert auch die beste Bildung für die Besten. Alles andere wäre eine Vergeudung von Talent und verriete mangelnden Respekt vor individuellen Fähigkeiten (Holling & Kanning, 1999, S. 69).“

 

Konzept zur Förderung von Kindern mit besonderen und hohen Begabungen an der EMS Schiers Cantieni/Flury/Triacca angepasst 16.06.2008 Seite 2 von 7 2.

 

Definition und Modell

Unter Begabung versteht man das Potential eines Individuums zu einer aussergewöhnlichen Leistung. Ergebnisse aus der Intelligenz- und Begabungsforschung belegen jedoch, dass sich Hochbegabung nicht zwingend in hohen Leistungen manifestieren muss.

 

Vielmehr entwickelt sich hoch begabtes Verhalten durch die erfolgreiche Interaktion zwischen den Persönlichkeitsmerkmalen (hohe intellektuelle Fähigkeiten, Motivation und Kreativität) und der sozialen Umgebung (Familie, Schule und Freunde) einer Person.

Daraus folgt ein dynamisches Begabungskonzept mit vielen Bedingungsfaktoren, welches von Mönks & Ypenburg im „Triadischen Interdependenzmodell“vereinfacht folgendermassen dargestellt wird.

 

 

Triadisches Interdependenzmodell (Mönks & Ypenburg, 2000, S.23)

 

3. Leitgedanken

3.1 Idee „Heureka“: Hoch begabte Kinder werden ihren Fähigkeiten entsprechend in altersdurchmischten Gruppen während eines Tages bzw. Halbtages gefördert.

 

3.2 Schulstufe: In der Anfangsphase beschränkt sich das Förderprogramm auf die Kinder der Primarschulstufe. Für die Vorschul- bzw. Sekundarstufe I müssen in einer zweiten Phase angepasste Konzepte ausgearbeitet werden.

 

3.3 Zielgruppe: Zielgruppe sind jene Kinder, die im Regelklassenunterricht zeitweise unterfordert sind und die aufgrund ihrer intellektuellen Begabungen spezielle Herausforderungen benötigen.

 

3.4 Multiple  Intelligenzen: Die Förderung orientiert sich am Modell der Multiplen Intelligenzen von Gardner: 

  • sprachliche Intelligenz 
  • logisch-mathematische Intelligenz 
  • räumlich-visuelle Intelligenz 
  • naturalistische Intelligenz 
  • musikalische Intelligenz 
  • körperlich-kinästhetische Intelligenz 
  • interpersonale Intelligenz 
  • intrapersonale Intelligenz 
  • existenzielle Intelligenz

 

3.5 Enrichment (SEM): Unter Enrichment (=Anreicherung) verstehen Renzulli, Reis & Stedtnitz (2001) Aktivitäten, die für Lernende mit unterschiedlichen Fähigkeiten durchgeführt werden und darauf abzielen, durch breit gefächerte Anreize gegenwärtige Interessen zu vertiefen oder neue Interessen zu wecken. Diese Aktivitäten erweitern den Regelunterricht.

Zum SEM (Schulisches Enrichment Modell) gehören drei verschiedene Typen (Typ I -, Typ II - und Typ III - Enrichment). Sie sind miteinander verbunden (Drehtürmodell, siehe Abb. unten) und wurden entwickelt, um Kinder gezielt zu schöpferisch-produktivem Handeln und vertieftem Denken anzuregen. Dazu werden sie an verschiedene neue Themen und Interessensgebiete herangeführt und sie eignen sich die notwendigen Fertigkeiten und Methoden an, die sie für das selbständige Erarbeiten eines selbst gewählten Projektes benötigen.

 

Drehtürmodell von Renzulli (Renzulli, Reis & Stedtnitz, 2001)

 

  • Typ I - Enrichment = Erfahrungen und Aktivitäten der verschiedensten Art (Schnupperangebote)
  • Typ II - Enrichment = Arbeits- und Lerntechniken, Problemlösungsstrategien
  • Typ III - Enrichmnet = eigenständige Projekte, Untersuchungen

3.5 Förderung während und/oder ausserhalb der ordentlichen Schulzeiten:  Das Angebot beinhaltet Förderlektionen innerhalb und ausserhalb der Schulzeit. Damit kann flexibel auf die individuelle Situation (schulpolitisch, finanziell, persönlich, ...) jedes Kindes eingegangen werden.

 

4. Ziele 

  • Die Kinder sollen ihren Fähigkeiten und Begabungen entsprechend gefördert werden und somit regelmässig an ihren Leistungsgrenzen arbeiten können. 
  • Die Kinder lernen Lern- und Arbeitstechniken sowie Problemlösungsstrategien kennen.
  • Die Kinder werden befähigt ihre Arbeitsprozesse und Leistungen selbst einzuschätzen und zu reflektieren.
  • Die Kinder lernen, sich selbständig verschiedenste Informationsquellen zu erschliessen.
  • Soziales Lernen unter ähnlich begabten Kindern ist ein zentrales Anliegen.
  • Die Eigeninitiative und das Selbstbewusstsein des Kindes sollen gestärkt werden.
  • Der regelmässige Austausch mit den Eltern und Regelklassenlehrpersonen wird angestrebt.

5. Inhalte

Die inhaltlichen Angebote dienen in erster Linie der Förderung der kognitiven Fähigkeiten und der damit verbundenen Kreativität und Motivation. Zur Auswahl stehen sprachliche, mathematische, biologische, physikalische, chemische und philosophische Themen. Die Inhalte liegen ausserhalb des lehrplanmässigen Schulstoffes.

 

Im Weiteren sind verschiedenste Trainings (Konzentration, Gedächtnis, Wahrnehmung, Entspannung, ...), soziales Lernen (Spiele zu Kooperation und Kommunikation, Partner- und Gruppenarbeiten, ...) sowie Lern- und Arbeitstechniken (Mindmapping, Problemlösungsstrategien, Logikspiele, ...) Bestandteil der Förderlektionen.

 

Grundsätzlich geht es darum, dem besonders bzw. hoch begabten Kind das zu geben, was es braucht. Das heisst, es ist wichtig, das Kind aus der Reserve zu locken, seine Eigeninitiative zu stärken, sein Wohlbefinden zu erreichen und ihm zu helfen, seinen Platz in der Klasse, seiner Familie und unter Freunden zu finden.

 

6. Organe

6.1 Förderzentrum: Das Förderprogramm für Kinder der Primarschule nennt sich „Heureka“. Es wird von den Förderlehrpersonen Peter Flury, Igis und Marlies Triacca, Maienfeld, geleitet.

Die EMS stellt „Heureka“gratis zwei Schulzimmer zur Verfügung, dies geschieht im Sinne eines Sponsorings. Das Inkasso der Schulgelder wird durch eine von „Heureka“beauftragte Person organisiert.

„Heureka“ ist juristisch und wirtschaftlich unabhängig von der EMS und die Förderlehrpersonen Peter Flury und Marlies Triacca, sowie weitere beschäftigte Lehrpersonen tragen als Selbständigerwerbende das Inkassorisiko und das wirtschaftliche Risiko von „Heureka“zu 100% selber.

 

6.2 Kommission: Über Aufnahme bzw. Ausschluss von Kindern entscheidet eine Kommission, bestehend aus den Förderlehrpersonen, auf Antrag der Eltern, Schulbehörden bzw. Förderlehrpersonen.

 

6.3 Förderlehrpersonen: Sie leiten und organisieren den Förder(halb)tag gemäss der oben beschriebenen Leitgedanken, Ziele und Inhalten. Die Förderlehrpersonen sind selbständig erwerbend, übernehmen somit das gesamte finanzielle Risiko und haben keinerlei Lohnanspruch gegenüber der EMS.

 

6.4 Beratungsstelle: Die Förderlehrpersonen führen eine Beratungsstelle „Heureka – Kompetenzzentrum für Begabungs- und Begabtenförderung an der EMS Schiers“ für Eltern, Lehrpersonen und Behörden.

 

7. Organisation

7.1 Ort: Schiers, Haus Binding (bei der Evangelischen Mittelschule EMS)

 

7.2 Fördertag: Am Mittwoch: Vor- und/oder Nachmittag Am Freitag: Nachmittag

 

7.3 Lektionen: Vormittag: 3 Lektionen à 50 Minuten Nachmittag: 3 Lektionen à 50 Minuten

 

7.4 Stundenplan: 08.30 - 11.30 3 Lektionen und eine Pause 11.30 - 13.00 Mittagspause 13.00 –15.45 3 Lektionen und eine Pause  

 

7.5 Mittagspause: Möglichkeiten: Mensa EMS (Kosten zu Lasten der Eltern) oder Lunch Die Kinder werden während der Mittagspause von der Förderlehrperson betreut.

 

7.6 Fördergruppe: Die Fördergruppen sind altersdurchmischt und bestehen aus mindestens 4 und höchstens 10 Kindern. Förderunterricht für kleinere Gruppen bzw. Einzelunterricht (Mentorat) können zu gesonderten Lektionsansätzen angeboten werden.

 

7.7 Schulgeld: Pro Förderhalbtag: SFr. 50.00 Ganzer Fördertag: SFr. 90.00 Das Schulgeld wird vierteljährlich erhoben.

 

7.8 Schulbesuch: Nach der Aufnahme ins Förderzentrum „Heureka“sind die Eltern verpflichtet, ihr Kind regelmässig zum Unterricht zu schicken.

 

7.9 Absenzen: Urlaubsgesuche, beispielsweise für spezielle Anlässe in der Regelklasse, sind frühzeitig an die Förderlehrperson zu richten. Bei krankheits- oder unfallbedingten Absenzen ist die Förderlehrperson ebenfalls möglichst frühzeitig zu informieren.

 

7.10 Ferien: Die Feriendaten des Förderzentrums richten sich nach dem jährlich erstellten Ferienplan.

 

7.11 Versicherung: Die Versicherung der Kinder (Unfall, Haftpflicht) ist SaHaftung: che der Eltern. „Heureka“und die Förderlehrpersonen lehnen jegliche Haftung ab.

 

8. Eintritt / Austritt

8.1 Nomination: Ein Kind kann von den Eltern, Lehrpersonen, Schulbehörden oder anderen Fachpersonen zu einer Abklärung angemeldet werden.

 

8.2 Abklärung: Psychologische Abklärungen und Tests können durch den Schulpsychologischen Dienst (SPD), andere Gutachter/innen oder ausgebildete ECHA-Förderlehrpersonen erfolgen. Sie sind jedoch nicht obligatorisch für die Aufnahme ins Förderprogramm.

 

8.3 Eintritt: Der Eintritt ins „Heureka-Förderprogramm“ist zu Beginn eines Quartals möglich.

 

8.4 Schnupperzeit: Als Schnupperzeit gelten die ersten vier Fördertage seit Eintritt ins Förderprogramm. Im Anschluss daran wird über die definitive Aufnahme entschieden.

 

8.5 Aufnahme: Der Entscheid über die Aufnahme ins „Heureka-Förderprogramm“wird von einer Kommission, bestehend aus den Förderlehrpersonen, gefällt.

 

8.6 Austritt: Der Austritt ist jeweils auf Ende Oktober, Januar und April bzw. auf Ende des Schuljahres möglich.

 

9. Ausblick

Begabungs- und Begabtenförderung darf keine Alibi-Übung auf dem Papier sein. Sie muss sowohl im Regelklassenunterricht als auch in speziellen Pull-out-Programmen (z.B. „Heureka“) zur Selbstverständlichkeit werden.

 

Die Schule soll, muss und wird sich laufend weiterentwickeln und das gilt auch für die Begabungsförderung. Einmal geschaffene Konzepte – und davon ist auch dieses Konzept nicht ausgenommen –sind deshalb immer nur vorläufig.

 

Einige Visionen für „Heureka“wurden bisher noch nicht aufgeführt. An dieser Stelle sollen sie stichwortartig erwähnt werden:

 

  • Ausdehnung des Förderprogramms auf den Vorschulbereich
  • Einbezug der Sekundarstufe I ins Förderprogramm 
  • Einbezug der Gymnasialstufe
  • Vernetzung Gymnasium – „Heureka“ (z.B. Zusammenarbeit mit den Lehrpersonen der EMS, Einführung von Mentoraten für hoch begabte Schüler/innen des Gymnasiums, Kursangebote für interessierte Schüler/innen des Gymnasiums gemeinsam mit Schüler/innen von „Heureka“, ...)
  • Kinder-„Uni“bzw. Kinder-„Gymi“

Besondere Begabungen bzw. Hochbegabung sind eine Realität, die nicht mehr wegdiskutiert werden kann und deshalb wird Begabungs- und Begabtenförderung ein Dauerthema in der Schule bleiben. Es ist zu hoffen, dass „Heureka“Signalwirkung auf alle Bildungsverantwortlichen hat und seinen Beitrag zur nachhaltigen Begabungsförderung leisten kann.

 

Konzeptgruppe: Schiers, August 2004